Dotzon, Berlin

Katrin Ohlmer und Dirk Krischenowski haben die Top-Level-Domain .berlin ins Leben gerufen. Danach haben sie die Firma Dotzon gegründet. Damit ermöglichen sie, dass auch andere Städte und Unternehmen ihre eigene Top-Level-Domain bekommen. Ihr geräumiges Büro in einem Schöneberger Hinterhaus, dritter Stock, hat einen offenen Grundriss. Gleich am Eingang hängen Plakate aller Einrichtungen, die mit einer .berlin-Adresse werben.


Durch den gläsernen Konferenzraum, über schwarze USM Tische und Regale hinweg, kann man einmal durch das ganze Büro schauen. Hier werden digitale Produkte verkauft und vermarktet. Im Interview verraten Katrin und Dirk, wie das geht, wann ihre Faszination für das Internet begonnen hat und warum die analoge Welt doch noch nicht ganz ausgedient hat.

Katrin, erinnerst du dich daran, wie du zum ersten Mal online gegangen bist?
Katrin: Das war in den frühen 1990er-Jahren. Damals musste man mit einem Modem ins Internet und es gab noch keine Browser. Die erste Anwendung, an die ich mich erinnern kann, ist das Online-Banking. Um das zu nutzen, musste man mit einer Eingabeaufforderung arbeiten und die Befehle eingeben. Das ist also kaum mit den Oberflächen von heute zu vergleichen.


Dirk: Dann hat der Informatiker Tim Berners-Lee das World Wide Web geprägt, wie wir es heute kennen, indem er den HTML-Code entwickelte. Ab Mitte der 1990er-Jahre gab es dann die ersten Browser und grafische Oberflächen.


Dirk, wie waren deine ersten Erfahrungen mit dem Internet?
Dirk: Katrin und ich sind seit 1988 zusammen, deshalb haben wir die meisten Erfahrungen parallel gemacht und uns auch für die gleichen Dinge begeistert.


Damals war das Internet noch kein Massenphänomen. Was hat euch so früh daran fasziniert?
Dirk: Ich habe Biochemie studiert und in meiner Diplomarbeit mit computer aided modelling von Molekülen gearbeitet. So ist die Faszination für alles Digitale entstanden und ich wusste, dass ich damit weiterarbeiten wollte, denn da passierte etwas Neues.


Katrin: Mein Vater ist Elektroingenieur. In Hannover hat er an einem Projekt gearbeitet, bei dem die Medizinische Hochschule erstmals an das Internet angebunden wurde. Von diesem Riesenunterfangen hat er zuhause immer erzählt. Das war mein erster Kontakt mit dem Internet. Eigentlich habe ich Wirtschaftswissenschaften studiert, in meiner Diplomarbeit ging es allerdings um Softwareentwicklung.


Dirk, nachdem dein Interesse am Internet geweckt war, wie ging es weiter?
Dirk: Ich arbeitete lange Zeit in der Pharmaindustrie, im globalen Marketing. Dort ging es auch Ende der 1990er-Jahre los mit Webseiten zu Medizinthemen.


Katrin: Ich habe ihn beschwatzt, dass das Internet total cool ist, viel cooler als die Pharmaindustrie.


Dirk: Trotzdem hielt es mich länger in der Branche. Als mal wieder ein Unternehmenszusammenschluss bevorstand und ich nach Oxford gehen sollte, lehnte ich ab und nahm die Abfindung mit.


Warum seid ihr dann nach Berlin gegangen?
Katrin: Wir fanden Berlin schon immer gut, weil hier „leben und leben lassen“ gilt. Die Dynamik der 1990er-Jahre, das Clubleben, all das war zu spüren. Also haben wir beide versucht in Berlin einen Job zu finden. Ich habe unter Anderem für einen Software-Hersteller gearbeitet. Schließlich kam der 11. September und der Anschlag auf das World Trade Center. Da waren die positiven Zukunftsvisionen erst einmal weg.


Dirk: Mit der Dot-Com-Blase platzten Anfang der 2000er-Jahre auch die Vorstellungen, dass das Internet alle reich machen würde und dass wir alle weniger arbeiten müssten.


Wie ging es dann für euch weiter?
Dirk: 2004, 2005 haben wir trotzdem ganz naiv die Firma gegründet. Die Idee war, eine eigene Internetadresse für eine Stadt zu haben, eine eigene Endung. Damit haben wir uns selbständig gemacht.

2004, 2005 haben wir trotzdem ganz naiv die Firma gegründet. Die Idee war, eine eigene Internetadresse für eine Stadt zu haben, eine eigene Endung. Damit haben wir uns selbständig gemacht.

- Dirk Krischenowski

Wie kommt man auf so eine Idee?
Dirk: Damals waren viele Domains schon vergeben und man hätte sie für viel Geld kaufen müssen. Ich habe mich gefragt warum Südseestaaten mit 20.000 Einwohnern eine eigene Endung haben, Städte aber nicht.


Katrin: Alle Länder haben eine eigene Endung, eine Abkürzung mit zwei Buchstaben. Das sind sogenannte Top-Level-Domains, der Ursprung der Internet-Endungen. Die sind alle auf einer Liste festgehalten. Neue Endungen wie .info, .biz oder .travel sind erst zwischen 2000 und 2004 hinzugekommen.


Wer vergibt die Endungen?
Dirk: Die Länderendungen unterliegen der nationalen Souveränität. Alle anderen haben einen Vertrag mit der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, der ICANN. Diese Internetbehörde hat eine Liste mit allen Endungen und ihre Hauptaufgabe besteht darin, diese Liste zu verwalten.


Wie funktioniert euer Geschäftsmodell?
Dirk: Wir vergeben Domains unter der Top-Level-Domain .berlin, die wir selbst betreiben.


Katrin: Wir bieten dazu auch die Beratung für Städte, Regionen und Unternehmen an. So können sie ihre eigenen Top-Level-Domains bekommen und betreiben. Früher hat eine kleine Gruppe von Wissenden dafür gesorgt, dass Internet-Endungen vergeben werden. Wir demokratisieren das.


Wie habt ihr euer Projekt finanziert?
Katrin: Wir haben das dann ähnlich wie eine Genossenschaft aufgezogen. Für 100 Euro bekam man einen Anteil am Unternehmen. Dann gab es verschiedene Sponsoring-Modelle und wir haben vorab schon Domains vergeben. So sind über zwei Millionen Euro zusammengekommen.


Dirk: 2005 konnte man solch fantastische Projekte noch nicht mit einem Kredit realisieren. Wir wurden von Handwerksverbänden, von Berliner Unternehmern sowie Innungen und vom Stadtmarketing unterstützt. Wenn man zwei oder drei gewonnen hat, dann wollen andere auch dabei sein.


Katrin: Insgesamt haben wir jetzt fast einhundert Gesellschafter.


 

Würdet ihr sagen, dass dieses Genossenschaftsmodell zum Unternehmergeist in Berlin passt?
Dirk: Ja, das passt gut, es gibt hier einen gewissen Gemeinschaftssinn. In anderen deutschen Großstädten würde man das vielleicht nicht machen.


Katrin: Letztlich ist es ein bottom-up-Projekt: von Berlinern für Berlin. Da kommt nicht ein Investor mit viel Geld von irgendwoher und kauft .berlin als Infrastruktur, sondern das geht von uns aus.


Wie konntet ihr Leute für diese Idee gewinnen?
Katrin: Wir haben einen Beirat gegründet. Darin saßen unter Anderem die Geschäftsführerin der Top-Level-Domain .de, der Professor, der die erste E-Mail in Deutschland erhalten hat, und ein Professor für E-Commerce von der Universität der Künste in Berlin.


Dirk: Der Beirat schätzte unser Vorhaben als machbar ein. Diese Form der Bestätigung ist wichtig, wenn man etwas angeht, das noch niemand zuvor gemacht hat.


Aus dieser Genossenschaft entwickelte sich dann Dotzon?
Katrin: Ja, das Beratungsgeschäft sollte in einer anderen Gesellschaft stattfinden und so entstand unsere Firma. Damals waren wir weltweit die erste Unternehmensberatung für Leute, die Bestandteil des globalen Internet werden möchten.


Wie sieht eure Arbeit bei Dotzon aus?
Katrin: Wir führen Machbarkeitsstudien durch und beraten Unternehmen dabei, ob es Sinn ergibt, sich um eine eigene Top-Level-Domain zu bemühen oder ob es dabei Bedenken gibt, wenn ein Unternehmensname einem Stadtnamen sehr ähnlich ist, zum Beispiel. Wenn diese Dinge geklärt sind, dann ist das wie eine Olympia-Bewerbung, die man bei der ICANN einreichen muss.

Damals waren wir weltweit die erste Unternehmensberatung für Leute, die Bestandteil des globalen Internet werden möchten.

- Katrin Ohlmer

Wart ihr erst einmal nur zu zweit?
Dirk: Ja und irgendwann waren wir zu dritt. Dotzon fing auch gar nicht hier in diesem Büro an sondern zuhause am Esstisch


Wann seid ihr in dieses Büro gezogen?
Dirk: Wir saßen erst in kleineren Räumen gleich gegenüber. Von dem ersten Geld, das wir eingeworben haben, statteten wir uns mit USM Möbeln aus. Das Büro war eine klassische Altbauwohnung mit Flügel- und Durchgangstüren, sehr hellhörig also. Irgendwann ging das nicht mehr, weil wir viel telefonieren und viele Telefonkonferenzen haben. Deshalb sind wir 2015 umgezogen.


Hier habt ihr einen offenen Grundriss. Was war vorher in diesen Räumen?
Katrin: Früher war hier ein Fitnessstudio. Wir haben die Einrichtung entfernen und die Glaswände für den Konferenzraum einziehen lassen. Ansonsten halten wir es offen und kommunikativ. Wenn neue Leute ins Team kommen, haben wir keine Platzprobleme.


Dabei hilft sicher, dass eure Büromöbel von USM modular sind, oder?
Katrin: Genau. Wenn die Schränke voller Aktenordner sind, dann können wir einen weiteren dazu stellen, schließlich verändern sich mit dem Betrieb auch die Anforderungen. Trotzdem bleibt der cleane Look und die klare Struktur. Das finde ich für die tägliche Arbeit sehr wichtig. Die klaren Strukturen helfen mir, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.


Ihr vertreibt Produkte für eine hoch vernetzte Welt. Inwiefern ist die Arbeit in eurem Büro zukunftsweisend?
Dirk: Unsere Prozesse sind weitgehend durchdigitalisiert aber wir arbeiten noch mit Papier. Noch immer gibt es Kunden, die Rechnungen oder Materialien schriftlich schicken.


Katrin: Wir bemühen uns schon, fast alles digital zu machen. Wir sind ja auch viel auf Konferenzen unterwegs und ich kann mich mit meinem Rechner von überall auf dem Server einloggen. Die Produkte, die wir verkaufen, sind schließlich auch digital.


Dirk: Interessant ist aber, dass auch bei der Vermarktung digitaler Produkte ein gezielter individueller Postversand am erfolgreichsten ist. Ein einfacher Umschlag mit Flyer bleibt bei den Leuten bis zu sechs Wochen auf dem Schreibtisch liegen. Das ist eigentlich faszinierend. Wir produzieren Papier, um ein digitales Produkt zu bewerben.

Interessant ist aber, dass auch bei der Vermarktung digitaler Produkte ein gezielter individueller Postversand am erfolgreichsten ist. Ein einfacher Umschlag mit Flyer bleibt bei den Leuten bis zu sechs Wochen auf dem Schreibtisch liegen. Das ist eigentlich faszinierend. Wir produzieren Papier, um ein digitales Produkt zu bewerben.

- Dirk Krischenowski

Wir haben jetzt viel über das Netz gesprochen. Aber wie gefällt es euch in der nahen Umgebung? Was unterscheidet Berlin-Schöneberg von anderen Stadtteilen?
Dirk: Hier gab es nie den Hype wie in Mitte und die Infrastruktur ist über lange Zeit gewachsen. Das geht in Bezirken, die so schnell groß geworden sind, schnell verloren. Wir wohnen übrigens auch in Schöneberg.


Katrin: Man hat hier Bodenhaftung zu Berlin. Gegenüber ist zum Beispiel Geflügel Albrecht, ein Familienunternehmen, das seit 100 Jahren besteht. Das heißt allerdings nicht, dass hier nichts Neues passiert. Auch wenn wir bestimmt zwei, drei Monate im Jahr nur auf Konferenzen unterwegs sind, kommen wir hierher zurück und es ist Heimat.

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