Wohnhaus für einen Architekten – ein gebauter Maßanzug

Kreuzlingen (CH)

Über die Frage, was eigentlich „gute Architektur“ ausmacht, lässt sich trefflich streiten. Drei von vielen richtigen Antworten lauten: Wenn es gelingt, selbst unter schwierigen Rahmenbedingungen ungeahnte Freiräume zu schaffen. Wenn es nicht nur um das äußere Bild eines Hauses geht, sondern darum, individuelle Wünsche in eine maßgeschneiderte Form zu gießen. Wenn Bauherr und Architekt die gleichen hohen Qualitätsstandards verfolgen. Bei einem Projekt von Dominic Schmid sind diese drei Prämissen erfüllt. Der Architekt aus Winterthur hat auf einem topographisch wie baurechtlich problematischen Grundstück an einem Nordhang in Kreuzlingen für einen Architektenkollegen eine besondere Wohnvision umgesetzt.

Leben ohne Türen

Das Haus, errichtet auf einer relativ kleinen, fünfeckigen Parzelle, ist äußerlich das Abbild von einzuhaltenden Baufluchten, Höhenbegrenzungen und Abstandsregelungen. Zugleich ist es in seinem Inneren eine Raumskulptur, eine Architekturpromenade, eine aufsteigende Abfolge von Zimmern und Zonen, die ohne Türen auskommt. 

Es war ein expliziter Wunsch des Bauherrn, dass die Räume fließend ineinander übergehen, dass allein kurze oder längere Treppenläufe und Richtungswechsel für eine interne Zonierung sorgen und damit auch die notwendige Abstufung zwischen eher öffentlichen und privaten Bereichen herstellen. 

Die Planung der komplexen Geometrie und der Ebenenwechsel war mit einfachen Grundrisszeichnungen nicht zu bewältigen. Abhilfe boten zahllose Schnittzeichnungen und Modelle – ebenso wie das berufsbedingt gegebene räumliche Vorstellungsvermögen von Architekt und Bauherr.

Auf dem spiralförmigen Weg nach oben

Der Architekt nennt die innere Erschließung eine „Schnecke“. Sie beginnt im Sockel des Hauses, wo neben dem Hauptzugang die Garage, Haustechnik und ein Gästebereich angeordnet sind. Von hier aus führt der Weg nach oben über eine zentrale Treppe direkt in den 3,70m hohen, repräsentativen Wohnraum. Einige Stufen höher liegen der Essbereich, Küche und – bereits etwas weiter zurückgezogen – ein Fernsehzimmer. Von hier aus führt eine weitere Treppe in den privaten Bereich im Obergeschoss. Der Bodenbelag wechselt von Beton zu Eichenholz und signalisiert auch optisch den sich ändernden Charakter der Räume. Hier befindet sich das Büro des Hausherrn, wiederum einige Stufen erhöht der Schlafbereich und ein offenes Bad mit besonders inszenierter Badewanne: Sie ist in ein Podest eingelassen und liegt „auf Augenhöhe“ mit einem Panoramafenster auf der einen und dem Fußbodenniveau eines Atriums auf der anderen Seite. So eröffnet sich dem Badenden wahlweise ein introvertierter, konzentrierter Blick in den kleinen Aussenbereich oder der offene, freie Blick über Kreuzlingen und Konstanz.

Perfekter Rahmen für Kunst und Möbel

Die unterschiedlich hohen, wohldosiert belichteten Räume bilden den perfekten Rahmen für eine kleine, aber mehr als feine Sammlung von Kunstwerken und Möbelklassikern. Zwischen Corbusier und Grcic, zwischen Mies van der Rohe und Noguchi haben auch einige Elemente aus dem USM-Möbelbausystem ihren Platz gefunden, und zwar im Gästebereich, im Wohnraum, dem Schlafzimmer und im Büro. Die graphitschwarzen Sideboards waren – teils als Büroausstattung – schon lange im Besitz des Architekten. Für ihre neuen Aufgaben und Standorte im Wohnhaus wurden sie neu zusammengesetzt – Modularität und Multifunktionalität beim Wort genommen!

Geduld, Beharrlichkeit und viel Know-how

Um dieses ungewöhnliche Haus bauen zu können, waren lange und intensive Abstimmungen mit der Gemeinde und den Nachbarn nötig. Verworfen wurden außerdem mehrere Entwurfsvarianten für orthogonale Grundrisse in dem fünfeckigen Gebäude. Eine zusätzliche Herausforderung bestand darin, mit dem in der Schweiz zertifizierten „Minergie P“-Standard einen besonders niedrigen Energieverbrauch zu erreichen, der unter anderem eine hochgedämmte Gebäudehülle und ein komplexes Lüftungssystem mit Wärmerückgewinnung voraussetzt.

So zeigt auch dieses Beispiel, dass gute Architektur mehr braucht als nur einen schnellen Geistesblitz. Sie erfordert Geduld, Beharrlichkeit und viel Know-how. Und mit ein wenig Mut zum Experiment entsteht dann das Besondere. 

 

Architekten: Dominic Schmid GmbH, Winterthur
Fotograf: Jan Mettler

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